Was wir Wirklichkeit nennen
Was die Physik (nicht) klärt – und was Heraklit längst wusste
Ein Beitrag von Eike Bunk | Stand 25.05.2026
Eine Annahme, die wir alle teilen
Wir gehen meist davon aus, dass es eine Wirklichkeit gibt, die auf uns wartet. Sie hat feste Eigenschaften, unabhängig davon, ob wir hinsehen oder nicht. Ein Baum, der im Wald fällt, macht auch ein Geräusch, wenn niemand zuhört. Zwei Menschen, die einander widersprechen, können sich vielleicht in der Interpretation unterscheiden – aber die Sache, um die es geht, steht fest.
Diese Annahme prägt unser Verständnis von Wissen, Lernen und Wahrheit. Sie ist älter als die moderne Wissenschaft und sie sitzt tief.
Es lohnt sich, sie zu prüfen.
Das Doppelspaltexperiment – und was es wirklich zeigt
Lässt man Licht durch zwei schmale Spalte fallen, entsteht auf einem Schirm dahinter ein Streifenmuster. Helle und dunkle Streifen wechseln sich ab. Das ist ein Interferenzmuster, wie es Wellen erzeugen. Wasserwellen zum Beispiel, wenn sie sich überlagern.
Schickt man stattdessen einzelne Lichtteilchen (Photonen) durch denselben Aufbau, eines nach dem anderen, dann sollte man eigentlich zwei einfache Streifen erwarten – einen hinter jedem Spalt. Stattdessen baut sich, Photon für Photon, wieder das Interferenzmuster auf. Jedes einzelne Teilchen verhält sich, als wisse es vom anderen Spalt.

Stellt man nun ein Messgerät auf, das festhält, durch welchen Spalt das Photon gegangen ist, verschwindet das Interferenzmuster. Es bleiben zwei Streifen, wie bei klassischen Teilchen.
Hier beginnt das gängige Missverständnis. Es heißt oft: “Sobald jemand hinschaut, verhält sich Licht wie ein Teilchen.” Das ist nicht richtig.
Entscheidend ist nicht, ob jemand hinsieht, sondern ob die Welcher-Weg-Information physikalisch durch einen Detektor, eine Wechselwirkung oder einen Mechanismus festgehalten wird. Ein Messgerät, dessen Daten nie ausgelesen werden, zerstört das Muster trotzdem. Ein abgeschaltetes Messgerät tut es nicht. Bewusstsein spielt keine Rolle.
Was die Physik also tatsächlich nahelegt: Die Wechselwirkung selbst (die Tatsache, dass etwas mit dem System geschieht, das Information darüber hinterlässt) verändert, was wir am Ende beobachten. Nicht das Bewusstsein eines Beobachters.
Das ist seltsam genug. Aber es ist nicht esoterisch.
Wigners Freund – und die Verschärfung
Eugene Wigner formulierte 1961 ein Gedankenexperiment. Ein Freund von Wigner führt in einem geschlossenen Labor ein Quantenexperiment durch und stellt ein Ergebnis fest. Sagen wir, ein Photon ist als Teilchen detektiert worden. Für ihn ist die Sache klar.
Wigner selbst steht außerhalb des Labors. Er hat keine Information darüber, was sein Freund gemessen hat. Aus seiner Perspektive lässt sich das gesamte Labor (Freund eingeschlossen) noch quantenmechanisch beschreiben, also in einem Überlagerungszustand.
Was ist hier real geschehen? Hat sich der Zustand “festgelegt”, als der Freund gemessen hat? Oder erst, als Wigner es erfährt? Beide haben unterschiedliche, formal korrekte Beschreibungen desselben Vorgangs.
Daniela Frauchiger und Renato Renner haben das 2018 verschärft. Sie zeigten: Wenn man bestimmte, plausibel erscheinende Annahmen über Quantentheorie macht, kann sie ihre eigene Anwendung nicht konsistent beschreiben. Welche dieser Annahmen man fallen lässt, ist nicht entschieden. Verschiedene Physiker antworten verschieden. Die Diskussion läuft noch.
Das ist der Punkt, an dem man nicht voreilig schließen darf: “Es gibt keine Realität.” Was man sagen kann: Es gibt ein ernstes, ungelöstes Problem. Und mehrere Wege, damit umzugehen.
Die Interpretationen und was sie sich teilen
Quantenmechanik ist als formaler Apparat hervorragend bestätigt. Ihre Vorhersagen treffen, mit beeindruckender Präzision. Aber was die Mathematik beschreibt (was eigentlich geschieht) darüber existieren konkurrierende Interpretationen.
Die wichtigsten im Überblick, sachlich gehalten:
- Kopenhagen (Bohr, Heisenberg). Die Quantenmechanik ist ein Werkzeug zur Vorhersage von Messergebnissen. Über das, was zwischen den Messungen “wirklich” geschieht, sollen wir besser nicht sprechen. Ontologisch zurückhaltend.
- Viele-Welten (Everett). Es gibt eine objektive Realität – aber bei jeder Messung verzweigt sich das Universum. Jeder mögliche Ausgang wird in einem Zweig realisiert. Was wie ein zufälliges Ergebnis aussieht, ist nur das, was wir in unserem Zweig erleben.
- Bohmsche Mechanik. Es gibt verborgene Variablen, die alles deterministisch festlegen. Die scheinbare Unbestimmtheit ist nur unser Mangel an Wissen über diese Variablen. Realität bleibt klassisch im Kern.
- QBismus (Quanten-Bayesianismus). Quantenzustände sind keine Eigenschaften der Welt, sondern subjektive Wahrscheinlichkeitsannahmen eines Agenten. Sie beschreiben, was ein Beobachter erwarten darf, nicht was ist.
- Relationale Quantenmechanik (Rovelli). Zustände existieren nur als Relationen zwischen physikalischen Systemen. Wichtig: “System” meint hier jede Entität, die wechselwirkt, z.B. auch einen Stein. Es geht nicht um bewusste Beobachter. Rovelli selbst betont diese Abgrenzung ausdrücklich.
- Propensitätsinterpretation (Popper). Die Wahrscheinlichkeiten der Quantenmechanik sind objektive Dispositionen der experimentellen Anordnung. Die Welt enthält reale, geistesunabhängige Tendenzen, die sich in Messungen manifestieren.
Diese Interpretationen widersprechen einander in vielem. In einem sind sie sich allerdings auffällig einig:
Das naive Bild von einer Welt, die unabhängig von jeder Wechselwirkung mit festen Eigenschaften vor uns liegt, lässt sich nicht halten. Wo genau es bricht, ob bei den Eigenschaften der Objekte, bei der Eindeutigkeit von Fakten, bei der Klassizität der makroskopischen Welt, darüber streiten sie. Aber alle nehmen die naive Annahme zurück.
Was bleibt, was nicht
Hier ist es wichtig, sauber zu unterscheiden. Wer das nicht tut, schließt Dinge, die ausgeschlossen sind, oder verkauft Spekulation als Erkenntnis.
Nicht haltbar:
“Es gibt keine Realität.” Das folgt aus keiner Interpretation.
“Bewusstsein erzeugt Realität.” Das ist nicht der Stand der Physik. Es war Wigners frühe Vermutung, sie wird heute kaum noch ernsthaft vertreten.
“Jeder hat seine eigene Wahrheit.” Kein Resultat dieser Debatte. Die Interpretationen behaupten viele Dinge, aber Beliebigkeit gehört nicht dazu.
Offen, ernsthaft diskutiert:
Ob das, was wir Eigenschaft eines Objekts nennen, monadisch (dem Objekt selbst eigen) oder relational (in der Wechselwirkung entstehend) zu verstehen ist.
Wie weit quantenmechanische Phänomene in die makroskopische Welt hineinwirken. Die meisten klassischen Eigenschaften sind durch Dekohärenz stabilisiert, aber die Grenze ist nicht trivial.
Welche der genannten Interpretationen am besten passt und ob die Frage selbst empirisch entscheidbar ist.
Sehr stark belegt:
Unser Zugang zur Welt ist nie kontextfrei. Die Versuchsanordnung gehört zum Ergebnis. Das gilt nicht erst in der Quantenmechanik. Schon Einstein hatte gezeigt, dass selbst Zeit und Raum nicht als absolute Größen verstanden werden können, sondern vom Bewegungszustand des Beobachters abhängen, ohne dass er deshalb den Realismus aufgegeben hätte. Die Welt ist nicht weniger real, weil meine Uhr und deine Uhr unterschiedlich gehen können.
Hier liegt eine Schlüsselunterscheidung, die der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper besonders deutlich gemacht hat: zwischen epistemisch und ontologisch. Dass unser Zugang zu etwas immer vermittelt, perspektivisch, kontextabhängig ist, ist eine epistemische Aussage. Sie sagt etwas über uns und unser Wissen. Daraus folgt nicht, dass das Ding selbst nicht existiert oder erst durch unsere Wahrnehmung konstituiert wird.
Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie macht aber den Unterschied zwischen ehrlicher Bescheidenheit und beliebiger Behauptung.
Eine Anmerkung zur Ehrlichkeit
Popper selbst hat die Annahme einer beobachterunabhängigen Realität verteidigt. Er konnte sie zwar nicht beweisen, aber sie ist das, was aus seiner Sicht das Forschen erst sinnvoll macht. Warum sollte man Experimente durchführen, wenn nichts auf unsere Eingriffe antwortet? Realismus war für ihn eine metaphysische Vorannahme, nicht eine wissenschaftliche Hypothese. Und er hat das offen so genannt.
Das ist ein wichtiges Detail. Auch Popper konnte den Realismus nicht beweisen. Er konnte nur sagen: Ohne diese Annahme verliert vieles, was wir tun, seinen Sinn. Wer ihn ernst nimmt, lernt: Auch das vermeintlich Selbstverständlichste in der Wissenschaft ruht an einer Stelle auf einer bewussten Entscheidung. Die Ehrlichkeit liegt darin, diese Stelle nicht zu verschweigen.
Heraklit, und was er schon wusste
Lange vor dem Doppelspaltexperiment, vor Wigner, vor Bohr, gab es Denker, die das naive Bild bereits nicht teilten. Heraklit ist der prominenteste. Sein “panta rhei” – alles fließt – wird heute oft verkürzt zu “alles ist im Wandel”. Das war es nicht. Heraklit dachte den Logos als geteilt, als gemeinsam. Den Zugang dazu betrachtete er als individuell, gebunden an die jeweilige Situation, gebunden an Wachheit oder Schlaf des Erkennenden.

Was bei ihm wirklich steht: Es gibt eine Struktur des Wirklichen. Aber sie ist Bewegung, Verhältnis, Spannung. Sie ist nicht das, was unter den Phänomenen ruht. Sie ist das, was sich in den Phänomenen zeigt. Und nur dort.
Aristoteles war daran anschlussfähig. Sein Begriff der praktischen Vernunft, sein Insistieren auf Erfahrung im konkreten Fall, sein Misstrauen gegen leere Allgemeinbegriffe: all das setzt voraus, dass Wahrheit sich im Vollzug ereignet, nicht abseits davon.
Die hermeneutische Tradition des 20. Jahrhunderts hat diese Linie aufgenommen. Bei Heidegger und Gadamer wird sie systematisiert: Die “Sache”, um die es in einer Auseinandersetzung geht, erscheint nie nackt, immer in einem Vorverständnis, immer aus einer Perspektive. Dazu folgt daraus nie, dass sie nicht real wäre.
Verschiedene Wege, getrennt durch Jahrtausende, verschiedene Methoden, verschiedene Sprachen. Sie treffen sich an einer Stelle. Das macht die Stelle ernst zu nehmen. Es macht sie nicht beweisbar, aber es macht sie tragfähig.
Was das mit Lernen zu tun hat
Hier, und keinen Schritt früher, komme ich zu dem, worum es mir geht.
Joined Learning steht nicht auf der Behauptung: “Physik beweist, dass es keine Wahrheit gibt.” Diese Behauptung wäre falsch. In ihrer Physik wie in ihrer Philosophie.
Joined Learning steht auf einer weit zurückhaltenderen, aber tragfähigen Aussage:
Was wir als Sachverhalt erkennen, wird es im Kontext der Begegnung. Wer das vergisst, lehrt etwas anderes als das, was er zu lehren meint.
Das ist keine Spekulation. Das ist die einfache Konsequenz aus dem, was Physik, Philosophie und nüchterne Lebenserfahrung gleichermaßen nahelegen.
Wenn Führung im konkreten Konflikt geübt werden muss, weil sie außerhalb dieses Konflikts nicht wirklich vorkommt, dann ist Lernen über Führung etwas anderes als Lernen im Führen. Wenn die Sache, um die es zwischen zwei Menschen geht, in der Art, wie sie aufeinandertreffen, ihre Gestalt bekommt, lässt sie sich nicht aus dem Lehrbuch übergeben.
Das heißt nicht, dass es keine festen Inhalte gäbe. Es gibt sie. Eine Bilanz hat Posten, eine Excel-Funktion hat eine Syntax, ein BGB-Paragraph hat einen Wortlaut. Das alles ist lehrbar, prüfbar, übertragbar. Hier ist die naive Annahme von einer Welt mit festen Eigenschaften eine arbeitsfähige Annahme, auch wenn sie strenggenommen, wie Popper sagen würde, eine bewusste Setzung ist.
Aber dort, wo es um menschliche Begegnung geht, um Führung, um Veränderung in Organisationen, um das Hineinhören in eine fremde Situation, ist die naive Annahme der falsche Werkzeugkasten. Dort braucht es eine Haltung, die akzeptiert, dass die Sache erst im Zwischenraum erscheint. Und dass dieser Zwischenraum (die Begegnung) gestaltbar ist, ohne kontrollierbar zu sein.
Genau hier setzt Joined Learning an. Nicht als esoterisches Versprechen, dass alles relativ sei. Sondern als nüchterne Konsequenz daraus, dass die Welt an ihren spannenden Stellen nicht aus festen Objekten besteht, sondern aus Verhältnissen, die sich im konkreten Vollzug einstellen.
Heraklit hat das vor 2500 Jahren gewusst. Die Physik diskutiert ihre eigene Version davon seit etwa hundert Jahren. Beide haben recht, jeder auf seine Weise. Joined Learning bewegt sich in dem Raum, den sie offenlegen. Nicht weil es ihn beweisen müsste, sondern weil dort am ehesten jenes Lernen stattfindet, das im Berufsalltag tatsächlich gebraucht wird.
Das Wenige, was diese Haltung verlangt, ist: hinzusehen, ohne sich auf vorgefertigte Antworten zu verlassen.
Und das ist gar nicht so wenig.
