Servant Leadership
Was für ein Schiff? Ein ehrlicher Blick auf ein Führungsmodell zwischen Anspruch und Alltag.
Ein Beitrag von Eike Bunk | Stand: 01. April 2026
Wer zum Geier ist Robert K. Greanleaf?
Kennst du Robert Greenleaf? Nein? Ich auch nicht. Also ich traf ihn nie persönlich. Als er 1990 starb, war ich acht Jahre alt.
Er war Unternehmensberater, der einen Führungsansatz „erfand“, der danach die Welt revolutionieren sollte. Nichts war anschließend mehr, wie es vorher war. Seit Robert K. Greenleaf die Idee des Servant Leadership in die Welt gesetzt hat, gibt es ausschließlich wertschätzende Führungskräfte, Chefs, die zuvorkommend ihren Mitarbeiter:innen morgens die Tür aufhalten, schon mal den Rechner hochfahren und dann für einen produktiven Arbeitstag sorgen, in dem Getränke und Obst direkt an den Schreibtisch gebracht werden.
Okay, du hast mich erwischt. So wie eben beschrieben habe ich es in meiner Führungspraxis nicht allzu häufig erlebt. Eigentlich nur im Homeoffice.

Die Idee hinter Servant Leadership
Werden wir kurz faktenlastig. Der Ansatz von Greenleaf basiert auf einer einfachen Annahme: Mitarbeiter:innen schöpfen dann ihr volles Potenzial aus, wenn ich als Vorgesetzter radikal ihre Bedürfnisse und Interessen in den Mittelpunkt stelle.
In der Natur der Sache liegt, dass hier bereits ein Problem steckt: Woher kenne ich denn die Bedürfnisse der Menschen? Oftmals kennen sie sie ja selbst nicht.
Warum Empathie allein nicht reicht
Du kannst also auf den ersten Blick erkennen, dass hinter der guten Idee, seine Mitarbeiter:innen glücklich zu machen, einige Grundvoraussetzungen stehen. Um die Bedürfnisse anderer zu erkennen, brauche ich neben erlernten Techniken wie Aktivem Zuhören und Coaching vor allem eins: Empathie.
Und mit der ist es so eine Sache. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass sich empathische Fähigkeiten lernen und trainieren lassen. Dennoch brauchen sie eine gesunde Basis — eine innere Haltung, die nicht in einem Wochenendseminar entsteht.
Und Empathie hat eine Schattenseite. Oft ist es schwer, sich abzugrenzen. Der Empath übernimmt im gleichen Moment die Gefühle desjenigen, der vor einem sitzt und bitterlich weint. Der Ausgang dieser Führungssituation ist dann oft so: Die „gehörte“ Person fühlt sich anschließend besser, bedankt sich artig und drückt sich mit einem noch gequälten Lächeln aus dem Besprechungsraum. Während du da sitzt und eine Ladung neuer Gefühle abbekommen hast, die du jetzt verarbeiten musst. Und deine eigenen Gefühle sind ja auch noch da.
Wenn du nach einem Arbeitstag, an dem du drei solcher Gespräche hattest, nach Hause kommst, fällst du wahrscheinlich abends so unglücklich auf die Couch, dass die Fernbedienung aus Versehen Netflix einschaltet und dein Smartphone eine Pizza bestellt.
Mir ging es oft so.
Die Frage, die niemand stellt
Es gibt also eine Crux an diesem Ansatz, die nicht von vornherein offensichtlich ist:
Wenn ich mich um die Bedürfnisse meiner Mitarbeiter:innen kümmere — wer kümmert sich dann um meine?
Die Idee ist natürlich, dass alle aufeinander achten. Aber seien wir ehrlich: Wenn du morgen in die Firma gehst und plötzlich anfängst, konsequent deine Mitarbeiter:innen zu fragen, wie es ihnen geht, dann halten die dich eher für krank als für einen Servant Leader.
Wenn der Ansatz konsequent angewendet werden soll, braucht es Voraussetzungen. Dazu eine Erfahrung aus meinem eigenen Alltag.
Der letzte Servant Leader
Ich trat vor einiger Zeit eine Stelle als Führungskraft an. Die Stellenanzeige suchte ausdrücklich einen Servant Leader. Ich war richtig euphorisch — endlich fühlte ich mich in meiner Philosophie, gemeinsam mit Menschen etwas aufbauen zu können, gesehen. Ich diene den Menschen gerne. Als Führungskraft, als Trainer, als Freund und Ehemann.
Was die Stellenanzeige allerdings nicht verriet: Servant Leadership war hier kein Teil der Unternehmenskultur. Vielmehr war ich der einzige dort. Alle anderen Führungskräfte bestanden — wie so oft — aus alteingesessenen Fachexperten. Beeindruckende Persönlichkeiten mit Fachwissen, wie ich es in fünf Jahren nicht hätte aufholen können. Aber allesamt mit wenig Idee zum Thema Führung im Allgemeinen.
Und in dieser Umgebung sollte ich nun agieren wie ein Servant Leader, zeitgleich aber die fachlichen Aufgaben übernehmen, die alle anderen aus der langen Familientradition heraus bereits ausübten.
Nein danke. So funktioniert der beste Ansatz nicht.
Also: Gut oder schlecht?
Weder noch. Und genau das macht es so schwierig.
Servant Leadership ist kein Führungsstil, den man einführt wie ein neues CRM-System. Es ist eine Haltung, die Voraussetzungen braucht — bei dir selbst, bei deinem Team und vor allem in deiner Unternehmenskultur. Wenn diese Voraussetzungen fehlen, wirst du als Servant Leader nicht scheitern, weil der Ansatz falsch ist. Du wirst scheitern, weil du der Einzige bist, der ihn lebt.
Ich verinnerliche die Haltung eines Servant Leaders. Ich habe so geführt, bevor ich das erste Mal von Greenleaf gehört habe und wusste, dass es so etwas wie eine „dienende Führungskraft“ gibt. Und ich habe schmerzvoll erfahren — mehrfach, ehrlich gesagt — was passiert, wenn meine Idee von Führung auf eine gewachsene Unternehmenskultur trifft.
Aber ich bin nicht von der Idee der wertschätzenden Führung abgerückt. Es gibt Wege, so zu führen und nicht sofort an allen Ecken anzustoßen.

Und wenn es nicht nur du bist?
Noch besser ist es, wenn ein Unternehmen sich als Ganzes dafür entscheidet, dem Ansatz eine Chance zu geben. Nicht unadaptiert, nicht 1:1 — das funktioniert selten. Aber wenn man die Idee des Servant Leadership nimmt und in den eigenen Kontext übersetzt, dann kann etwas Mächtiges entstehen.
Genau das mache ich in meinen Inhouse-Seminaren. Kein Vortrag über Greenleafs zehn Prinzipien, den du am nächsten Tag vergessen hast. Sondern ein Workshop, der bei eurer Realität anfängt: Wo steht eure Führungskultur heute? Was würde sich ändern, wenn Führung wirklich vom Menschen aus gedacht wird? Und was braucht ihr konkret, damit das nicht an der Unternehmenskultur zerschellt — so wie es mir passiert ist?
Wir starten immer mit einem Vorgespräch — 90 Minuten, du und ich. Ich verstehe deinen Unternehmenskontext, du verstehst meine Haltung. Auf dieser Basis entsteht ein Seminar, das zu euch passt. Nicht zu Greenleaf.
Du weißt nicht, wie? Dann lass uns gemeinsam einen Weg suchen…
Servant Leadership ist keine Utopie. Aber es ist auch kein Selbstläufer. Wenn du das Gefühl hast, dass in deinem Unternehmen mehr möglich wäre — dass deine Führungskräfte nicht nur fachlich, sondern auch menschlich wachsen könnten — dann lass uns doch gemeinsam einen Weg finden.
